Botenstoff kurbelt überschießende Bildung von Bindegewebe bei Herzerkrankungen an

Eine Ursache der Herzschwäche ist die überschießende Bildung von Bindegewebe. Ein internationales Forschungsteam hat nun einen spezifischen Ansatzpunkt für eine neue Therapie gefunden: den Botenstoff Interleukin 11. Die Studie ist jetzt in „Nature“ erschienen.

Akute Mangeldurchblutung und ein dauerhaft erhöhter Blutdruck haben für das Herz gravierende Folgen: Es wird zu viel kollagenes Bindegewebe gebildet und die Herzmuskulatur versteift. Das Herz verliert an Schlagkraft; seine elektrische Reizleitung ist gestört. Weltweit ist die Herzschwäche eine der häufigsten Erkrankungs- und Todesursachen. Ein wichtiger Therapieansatz ist deshalb, die überschießende Kollagenbildung (Fibrose) zu verhindern.

Herz mit hypertropher Kardiomyopathie mit Fibrose

Der Magnetresonanz-Tomograph macht es sichtbar: Ein Herz mit hypertropher Kardiomyopathie mit Fibrose (helle Region). Bild: Jeanette Schulz-Menger

Seit langem ist bekannt, dass der Wachstumsfaktor TGF-Beta die Bindegewebsproduktion ankurbelt. Als Angriffspunkt für ein spezifisches Herzmedikament kommt er jedoch nicht in Frage, da er weitere Signalwege beeinflusst und eine therapeutische Blockade mit zahlreichen Nebenwirkungen einhergeht.

Ein internationales Forschungsteam unter Mitwirkung des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin hat deshalb nach Botenstoffen gesucht, die auf TGF-Beta-Stimulation reagieren. Dafür analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Herzzellen von etwa 80 Herzinfarkt-Patienten, denen Ärzte während einer Bypass-Operation eine Gewebeprobe entnommen hatten. Zu ihrer Überraschung wird der Botenstoff Interleukin 11 (IL-11), der bislang als Hemmfaktor der Bindegewebsbildung eingestuft worden war, am stärksten durch den Wachstumsfaktor TGF-Beta stimuliert.

Interleukin 11 kommt fast ausschließlich in Bindegewebszellen vor

„Wir konnten eine hohe RNA-Aktivität für IL-11 und seinen Rezeptor in den Bindegewebszellen der Herzbiopsien feststellen“, sagt Professor Norbert Hübner, Leiter der Arbeitsgruppe Genetik und Genomik kardiovaskulärer Erkrankungen am MDC. Tierversuchen bestätigten dies: Im Herzgewebe von IL-11-behandelten Mäusen lagerte sich mehr Bindegewebe in die Herzmuskulatur ein. Sobald Antikörper die IL-11-Aktivität hemmten, wurden in der Zellkultur weniger Bindegewebsproteine produziert.

Die Wissenschaftler sehen in Antikörpern gegen IL-11 geeignete Kandidaten für die Entwicklung eines Medikaments gegen eine überschießende Bindegewebeproduktion. Dafür spricht auch das spezifische Vorkommen von Interleukin 11. Im Gegensatz zu anderen Botenstoffen kommt es fast ausschließlich in Bindegewebszellen vor.

Weiterführende Informationen


Sebastian Schafer et al. (2017): „IL11 is a crucial determinant of cardiovascular fibrosis.“ Nature. doi:10.1038/nature24676

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